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Hof Zuort
CH - 7556
Ramosch GR
Tel/Fax: 081 866 31 53
info@zuort.ch
Impressum
Text: P. R. Berry
Bilder: M. Galli
P. R. Berry
D. Jenny

Im Belle Époque-Chalet geht es zu und her wie zu Kaisers Zeiten. Von der Fuchsdecke über die antiken Kachelöfen bis zu den englischen Badewannen und dem Fünf-Sterne-verdächtigen Room Service passt alles. Alle erdenkliche Annehmlichkeit ist Programm. Ganz im Stil von King Charles II (1630 – 1685) gilt für unser Team:

„Never in nor never out of  the way.“

Für besinnliche Momente in der Kapelle empfiehlt sich ein Schlittenpelz wie aus Dostojewskis Schilderungen (auf Anfrage vorhanden in Schwarzbär aus der Zarenzeit oder Wolf).

Zur Geschichte von Chalet und Kapelle gibt es Einiges zu berichten: Vor einhundert Jahren unternimmt der niederländische Dirigent Willem Menglberg, eine prominente Persönlichkeit innerhalb der Musik-Avantgarde des 20. Jahrhunderts, eine Wanderung von seinem Ferienort Scuol-Tarasp aus Richtung Fimberpass mit Ziel Ischgl im Paznaun. Er kommt dabei in Zuort vorbei und ist von diesem mystischen Ort begeistert. Zuvor hatte er seinen verehrten und berühmten Freund Gustav Mahler in dessen Südtiroler Chalet im Pustertal besucht. So etwas wünscht auch er sich! Zuort soll seine Sommerresidenz werden.
 
Ein Ort, wo Genuss und Lebenslust auf urtümliche Art gelebt werden können, zudem auf kulturell und geographisch hohem Niveau. Und dies hiess früher: Wein, Weib und Gesang und gute Zigarren – und alles in freier Natur auf 1711 m ü.M.
 
Gesagt, getan. Das Chalet, von ihm entworfen und von der einheimischen Familie Lanfranchi und Schweizer Schnitzern, teils Einheimischen, reich dekoriert, ist in seiner ersten Version 1911 fertig gestellt. 1920 kauft er von der Bauernfamilie Frigg den Hof mit Landwirtschaft dazu. Deren Neffe Clot Corradin ist über zehn Jahre Pächter und als eigentlicher Bauführer verantwortlich. Dabei wird er selber zum Kunsthandwerker, unter Anleitung des einheimischen Schnitzers Häfner aus Strada und dem Luzerner Furrer.

Gemeinsam bauen sie die Kapelle als Blockbau und fertigen die kunstvolle Einrichtung inklusive Kirchenbänke und Altar, alles nach den exakten Vorgaben Mengelbergs. Die Arbeiten werden im Jahr 1928 im Wesentlichen abgeschlossen. Auch das Glockenspiel, ein sogenanntes Carillon – eine ausgesprochene Spezialität der Holländer – wird in Form von 15 Glocken, welche über eine Klaviatur bedient werden, von der berühmten heute nach wie vor aktiven Glockengiesserei Rüetschi Aarau auf dem First der Kapelle installiert. Das Carillon funktioniert noch heute, auch wenn es nicht mehr regelmässig, wie noch zu Tante Ellys (siehe nächster Abschnitt) Zeiten in den 80ern, bedient wird. Eine mechatronische Aufrüstung zwecks elektronischer Bedienung und gängiger Klaviatur ist eine Vision – dann kann das Carillon wieder täglich erklingen.
 
1951 ist das Todesjahr Mengelbergs (geboren am 28. März 1871 in Utrecht). In weiser Voraussicht hat er den Lehenshof mit Land und allen Gebäuden in eine Stiftung mit seinem Namen eingebracht. Somit konnten während rund 50 Jahren unzählige Musiker in den Sommerferien die Chasa besuchen. Sie wurden vor Ort bis 1987 im Sommer von Frl. Elly Heemskerk betreut, die bis ins hohe Alter die eigentliche Behüterin der Chasa und selbst im Stiftungsrat tätig war. Sie war die Tochter eines berühmten niederländischen Admirals (Spitzbergen) und im Concertgebouw-Orchester Mengelbergs, das er 50 Jahre lang dirigierte, ab 1918 erste Geigerin.
 
Bis zu Kriegsbeginn war Willem Mengelberg neben der Königin die populärste Figur der Niederlande und unter anderem sogar Träger des höchsten Oranje Ordens. Während der ersten Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges dirigierte er trotz der politischen Verhältnisse weiterhin in Deutschland, eine Tatsache, die Willem Mengelberg und seinem Ansehen in den Niederlanden stark schadete. Sein prominenter Deutscher Kollege Otto Klemperer, selbst seit Ende der 30er Jahre im amerikanischen Exil, bezeichnete Mengelbergs Kontakte zu Kriegsdeutschland zumindest als eine „ Dummheit”. Diese politischen Verstrickungen sind ein zwar nicht weg zu diskutierender, aber heute entschieden abgeschlossener und archivierbarer Sachverhalt. Das sprichwörtlich fröhliche Gemüt Mengelbergs und seine überragende künstlerische Leistung und Bedeutung sollen seine menschlich-politischen Verirrungen überdauern und wegweisend sein.
 
Sechzig Jahre nach Mengelbergs Tod entschliesst sich die Stiftung Anfang 2010 zum Verkauf ihrer Besitztümer in Zuort. Dies ist der Beginn einer Zwischenphase: Es ist erklärtes Ziel des derzeitigen Eigentümers Dr. med. Peter Robert Berry IV, dass der historische Lehenshof Zuort mit seinen Gebäuden und 16 Hektaren Land umgehend wieder in ein sinnvoll verwaltetes kollektives Eigentum übergeht, ganz im Sinn des nachhaltigen Lehensvertrags von Sent aus dem Jahr 1482. Daher bezeichnet Dr. med. P. R. Berry sich selbst weniger als Besitzer, denn vielmehr als „Schwungrad und Brücke für Zuort ad Interim”.
 
Neu sind der internationale panalpine und humanistische Ansatz: Ein „Zuort der Alpenbevölkerung” unter Einbezug internationaler Kultur- und Naturschutzorganisationen der angrenzenden Alpenländer und ein nachhaltiger Tourismus, der das ursprüngliche Naturerlebnis vermittelt, sind die erklärten Absichten dieser Neuausrichtung. Sozusagen eine Art „Internationale Franz Weber Aktion” und Inter-Regio Projekt.
 
Zudem soll die musikalische Vergangenheit in Zuort in jedem Fall und umgehend wieder aufleben. Seit dem Sommer 2011 finden bereits regelmässig, das heisst  mindestens zweimal pro Woche, vormittags Waldkonzerte in der Nähe der Kapelle statt (ab Tonträger). Geplant sind in Zukunft Schulungen und Meisterkurse, Kleinkonzerte und Musiker in Residenz zu beherbergen – ganz im Sinn der Statuten der Mengelberg Stiftung. Denn Natur, Kultur und Anthropophilie sind die drei hauptsächlichen Erlebnisbereiche in Zuort.
 
Soviel zum aktuellen Stand eines Arbeitsprozesses betreffend der Zukunft von Zuort.

Mitdenken, Kommentare und Mitarbeit sind jederzeit erwünscht unter:  zukunft(at)}zuort.ch